Bürgermeister Klaus Mack (links) und Dr. Marina Lahmann, zuständig für das Bad Wildbader Stadtarchiv an der Fundstelle am Technischen Rathaus. Alle Entdeckungen wurden vom Landesdenkmalamt sofort abtransportiert

Bad Wildbad. Eine unglaubliche Entdeckung wurde bei Probebohrungen am Technischen Rathaus gemacht. Dort wird nach dem Bau des Wohn- und Geschäftshauses Enzblick in Kürze mit der Umgestaltung des Umfelds begonnen. Die Bauarbeiter staunten nicht schlecht, als sie auf einen alten Grabstein stießen, der sie stutzen ließ. Fast 650 Jahre alt musste die noch vorhandene Grabstätte sein, denn auf dem Stein waren deutlich die Jahreszahlen 1347-1391 und der Name „Michel Bott“ zu lesen. Vermutlich hatte eine luftdichte Erdschicht den Stein über die Jahrhunderte konserviert. Fragmente einer Inschrift waren noch sichtbar. An der Stelle des Technischen Rathauses stand einstmals die Vorstadtkirche. Im Jahre 1864 musste diese wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Dass im Umfeld ein Friedhof beheimatet war, galt zwar als sicher. Doch mit solch einer Sensation hat wohl niemand gerechnet.

Kaum hatten die Stadtverantwortlichen die Baustelle besichtigt, beschlagnahmte das Landesdenkmalamt alle Fundstücke. Wolfram Kienzler, zuständiger Kurator bei der Abteilung „Landesgeschichte“ bestätigte unserer Zeitung: „Bei der Grabstelle handelt es sich um eine der bedeutendsten Funde der letzten Jahre im Südwesten“. Alle Proteste der Stadt halfen nichts. Die Grabstätte wurde aufgrund der landesgeschichtlichen Bedeutung sofort nach Stuttgart abtransportiert. „Ein unglaublicher Vorgang“, so Bürgermeister Klaus Mack.

Doch wer war dieser Michel Bott, der im Jahre 1391 verstarb und offensichtlich 44 Jahre alt wurde? Das Umfeld des Grabes deutet darauf hin, dass es sich um einen bedeutenden Einwohner Wildbads gehandelt haben muss. Bürgermeister Klaus Mack und Dr. Marina Lahmann, zuständig für das städtische Archiv, waren glücklicherweise rechtzeitig vor Ort. So konnten sie den Grabstein vor dem Abtransport umfassend begutachten. Mit Expertenhilfe gelang es ihnen, die Inschrift des Grabsteins zu entziffern. Eine am unteren Rand des Steines entdeckte lateinische Bezeichnung deutet darauf hin, dass Michel Bott durch eine besondere Tat unter dem Schutz des württembergischen Herrscherhauses stand. Vermutlich kam er so zu bescheidenem Reichtum. „Ein ungewöhnlicher Vorgang“, so Dr. Marina Lahmann. Wer aber in Wildbad wurde von den Landesherren in dieser Zeit so bedacht? Forscht man in der Stadtgeschichte, gibt es nur ein herausragendes Ereignis in dieser Zeit: Den Überfall im Wildbad im Jahr 1367. Ein historisch belegtes Attentat auf Graf Eberhardt, den II., genannt der Greiner. Er erholte sich im schon damals bedeutenden Badeort und musste angesichts der nahenden Feinde die Flucht ergreifen. Ludwig Uhland, der diese Begebenheit im gleichnamigen Gedicht heroisch darstellte, sprach von einem „armen Hirten“, also einem Einwohner der Stadt, der den Grafen über den Berg trug und sicher in die Burg Zavelstein brachte. Bislang ging man davon aus, dass dieser Teil der Erzählung nur eine für diese Zeit typische Ausschmückung des tatsächlichen Ereignisses war. Wusste Ludwig Uhland also mehr? Die Entdeckung des Grabes deutet in jedem Falle darauf hin, dass es diesen Einwohner tatsächlich gab und er vermutlich Michel Bott hieß. Laut Inschrift muss dieser im Jahr 1367 genau 20 Jahre alt gewesen sein.

Kurzerhand wurde der überregional bekannte baden-württembergische Heimatforscher Dr. J. Achim Kurz ins Rathaus einbestellt. Er erläuterte dem Rathauschef den genauen Wortlaut: „Zum Danke dem Michel Bott, Wildbad, für meine Rettung – Graf Eberhardt zu Wirtemberg“. Ein eindeutiger Beleg, wie Kurz nach weiteren Recherchen im Staatsarchiv inzwischen schriftlich bestätigte. „Diese Entdeckung kommt einer Sensation gleich“, so Kurz. Damit sei eindeutig belegt, dass ein Einwohner Wildbads den Grafen im Jahr 1367 gerettet hat. „Die Inschrift deutet mit großer Sicherheit darauf hin, dass Michel Bott dieser Einwohner war.“ Ein Indiz dafür sei zudem, dass ein Symbol auf dem Grabstein ein Hirtenstab sein könnte.

Wäre das Attentat damals geglückt, hätte sich die Landesgeschichte Württembergs wohl anders entwickelt. Der Hirte Michel Bott aus Wildbad hat mit seiner Rettungsaktion damit die württembergische Landesgeschichte entscheidend beeinflusst. Bürgermeister Klaus Mack kündigte indes an, dass er dem Gemeinderat vorschlagen wolle, für Michel Bott noch im Jubiläumsjahr „650 Jahr Überfall im Wildbad“ ein Denkmal auf dem Kurplatz zu setzen. Die damalige Flucht führte schließlich vom Kurplatz über den heutigen Graf-Eberhardt-Fluchtweg hoch auf den Meisternkopf. Angesichts der sensationellen Entdeckung plant Mohamed Mokni, Eigentümer des Hotels Rossini, das Badhotel in „Moknis Hotel Michel“ umzubenennen.

Bad Wildbad, 01. April 2017